BLUMEN VORZIEHEN ODER DIREKT INS BEET? Die Entscheidungshilfe
Kannst Du es auch schon riechen? Dieser ganz spezielle Duft nach feuchter Erde, der erste zögerliche Sonnenstrahl und irgendwo draußen probt eine Amsel schon sehr entschlossen ihr Repertoire. Frühlingsanfang!
Ich sitze hier gerade an meinem Küchentisch und vor mir liegt das wohl schönste Chaos der Welt: Dutzende bunte Samentütchen, neben den mehr oder weniger runzeligen Knollen meiner Lieblings-Dahlien. Jedes Jahr stehe ich vor derselben Frage:
„Soll ich dieses Jahr vorziehen oder warte ich einfach, bis der Mai die Frostgeister vertrieben hat und alles darf direkt ins Beet?“
Manche Blumen funktionieren wunderbar direkt draußen im Beet. Andere Pflanzen danken es Dir sehr, wenn Du ihnen einen kleinen Vorsprung auf der Fensterbank oder im Gewächshaus gönnst.
Deswegen klären wir heute das große Rätsel:
BLUMEN VORZIEHEN ODER ABWARTEN UND DIREKT SÄEN/PFLANZEN?
INHALT
WAS BEDEUTET „VORZIEHEN“ EIGENTLICH? (UND WARUM MACHEN WIR UNS DIE MÜHE?)
Wenn wir vom Vorziehen (oder der Vorkultur) sprechen, meinen wir im Grunde einen kleinen „Schubs“ für die Natur.
Anstatt die Samen den Launen des Wetters auszusetzen, starten sie geschützt im Haus oder im Gewächshaus. Wir säen sie in kleine Töpfchen oder Schalen mit spezieller Anzuchterde (die ist nährstoffarm, damit die Wurzeln sich schön anstrengen müssen) und stellen sie an einen warmen, hellen Ort.
WARUM DAS GANZE?
Viele unserer liebsten Sommerblumen – denke an die prächtigen Zinnien oder die feurigen Kosmeen – stammen ursprünglich aus viel wärmeren Gefilden wie Mexiko. In unserem deutschen Schmuddelwetter fühlen sich die Samen im kalten Boden nicht sehr wohl und würden erst deutlich später anfangen zu blühen.
Durch das Vorziehen gewinnen wir einige Wochen Vorsprung. Wir züchten kräftige Pflänzchen heran, die groß und stark genug sind, um es später mit dem echten Leben (und den hungrigen Schnecken!) draußen aufzunehmen.
PRO & CONTRA "VORZIEHEN"
Viele Gärtner schwören darauf, Samen vorzuziehen. Und tatsächlich hat diese Methode einige handfeste Vorteile.
DIE VORTEILE VOM VORZIEHEN
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Längere Blütezeit: Wer im März drinnen sät, sieht oft schon im Juni die ersten Blüten. Bei Direktsaat im Mai musst Du Dich oft bis Ende Juli gedulden.
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Schutz vor Fressfeinden: Winzige Keimlinge sind für Schnecken wie ein Gourmet-Buffet. Eine vorgezogene, kräftige Pflanze überlebt den ersten Schneckenangriff deutlich eher und ist auch oft weniger interessant für die gefrässigen Weichtiere. Auch Vögel bedienen sich nur allzu gerne an Samenkörnern oder kleinen Pflänzchen.
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Schutz vor Wetterkapriolen: Im Haus oder im Gewächshaus sind junge Pflanzen sicher vor Spätfrost, starkem Regen oder Hagel.
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Bessere Kontrolle: Du siehst genau, welche Samen gekeimt sind. Im Beet verwechselt man die kleinen grünen Spitzen als Anfänger nur zu gern mit Unkraut und hackt sie versehentlich weg (ist mir öfter passiert, als ich zugeben möchte). Beim Vorziehen kannst Du genau beobachten, welche Pflanzen kräftig sind. So ziehst Du später nur die besten Setzlinge in den Garten um.
- Weil man es oft nicht mehr abwarten kann: Während draußen noch Winterreste im Beet liegen, beginnt auf der Fensterbank schon das neue Gartenjahr und Du hast schon das Gefühl, mitten im Frühling zu sein.
Die ersten Lebenswochen sind für viele Pflanzen entscheidend. Ein geschützter Start erhöht oft die Erfolgschancen.
DIE NACHTEILE VOM VORZIEHEN
So praktisch das Vorziehen auch ist – es hat auch ein paar Schattenseiten. Und gerade Gartenanfänger merken schnell: Ganz ohne Aufwand geht es nicht.
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Platzbedarf: Plötzlich stehen überall kleine Töpfe. Fensterbänke, Regale, Tische – alles wird zur provisorischen Pflanzenstation. Wer viele Blumen vorziehen möchte, braucht überraschend viel Platz.
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Lichtmangel: Das ist die größte Falle! Unsere Wohnungen sind oft zu warm und zu dunkel. Die Kleinen fangen an zu „vergeilen“. Das heißt, sie schießen in die Höhe, auf der Suche nach Licht, werden ganz dünn und kippen irgendwann einfach um. Pflanzlampen können helfen, sind aber natürlich wieder ein zusätzlicher Aufwand.
*Ganz unten zeige ich Dir noch, was Du basteln kannst, damit sie auch ohne Pflanzlampen mehr Licht bekommen.*
- Der Aufwand: Wässern, Drehen (damit sie nicht schief wachsen), Pikieren (das Vereinzeln der Pflanzen) und schließlich das Abhärten... Das alles braucht seine Zeit.
DIE 4 FEHLER BEIM VORZIEHEN
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Zu früh ausgesät: Der Klassiker. Wer im Februar Zinnien oder Kosmeen sät, hat im März Frust. Warte bis Mitte März oder sogar April, wenn das Tageslicht wirklich ausreicht.
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Zu warm gestellt: Heizungsluft + wenig Licht = lange, schwache Pflanzen. Such Dir lieber ein kühleres, aber helles Zimmer (Schlafzimmer ist oft super!).
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Zu dicht gesät: Wenn zu viele Samen in einem Topf keimen, konkurrieren die Pflanzen um Licht und Platz. Säe lieber etwas luftiger – das macht alles entspannter, auch für Dich beim Pikieren.
- Das „Vergessen“ des Abhärtens: Du kannst eine Pflanze, die acht Wochen im warmen Wohnzimmer gelebt hat, nicht direkt in die pralle Sonne und den Wind stellen. Gib ihr eine Woche lang tagsüber ein paar Stunden „Ausgang“ – erst im Schatten, dann langsam an die Sonne gewöhnen (ja, auch Pflanzen bekommen Sonnenbrand), bevor sie ganz nach draußen ziehen.
DIE DIREKTSAAT
Die Direktsaat wird im Garten oft unterschätzt.
Dabei ist sie eigentlich die natürlichste Methode überhaupt: Samen direkt ins Beet säen und wachsen lassen. Viele Pflanzen lieben genau das.
WARUM DIREKTSAAT OFT DIE BESSERE WAHL IST
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Wurzelkraft: Pflanzen, die direkt an Ort und Stelle keimen, bilden oft viel tiefere und kräftigere Wurzeln. Sie müssen nicht mit dem Stress eines Umzugs klarkommen und sich nicht an neue Bedingungen gewöhnen.
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Weniger Arbeit: Kein Umtopfen. Kein Pikieren. Keine Fensterbank voller Töpfe. Du säst die Samen direkt dort aus, wo die Pflanzen später wachsen sollen. Fertig.
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Licht: Draußen gibt es (meistens) genügend Licht.
- Robuste Pflanzen: Die Direktsaat-Kinder sind von Tag eins an Wind und Wetter gewohnt. Sie sind oft viel kompakter und standfester als ihre verwöhnten Geschwister von der Fensterbank.
NACHTEILE DER DIREKTSAAT
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Spätzünder: Weil die Pflanzen erst draußen keimen, beginnen sie später zu wachsen. Das bedeutet meist auch eine spätere Blüte.
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Das Wetter-Risiko: Ein kräftiger Mairegen kann die feinen Samen einfach wegschwemmen oder kleine Pflänzchen ertränken.
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Manche Samen keimen draußen schlechter. Einige Pflanzen mögen konstante Bedingungen. Wenn es draußen zu kalt oder zu trocken ist, keimen sie deutlich schlechter als bei geschützter Aussaat.
- Schneckenalarm: Hier brauchst Du starke Nerven oder einen guten Schutz.
EIN OFT VERGESSENER MITTELWEG: DRAUSSEN IN TÖPFEN VORZIEHEN
Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Du kannst auch draußen in Töpfen vorziehen.
Das funktioniert besonders gut:
- nach den letzten Frösten, im Frühling auf Terrasse oder Balkon, im Gewächshaus oder bei sogenannten Cool Flowers
Es gibt allerdings Samen, die lieber bei wärmeren Temperaturen keimen, wie zum Beispiel Löwenmäulchen oder Duftwicken. Die würde ich drinnen starten und dann, sobald sie aus der Erde spitzen, sofort rausstellen.
DIE VORTEILE:
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Robuste Pflanzen: Die Pflanzen sind sofort an das echte Licht und die frische Luft gewöhnt (kein Vergeilen!).
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Schutz: Auf einem Tisch sind sie viel sicherer vor Schnecken als direkt im Beet. Du kannst die Töpfe zusätzlich noch mit Schnexagon bestreichen.
- Kontrolle: Du weißt, wo was wächst, kannst in Ruhe pikieren und die Erde feucht halten, ohne das ganze Beet bewässern zu müssen.
GENAUSO BEI DAHLIEN
Bei Dahlien ist es auch so: Du kannst sie ab Mitte März in Töpfen im Haus oder im Gewächshaus „antreiben“. Dann hast Du im Juni schon stattliche Pflanzen.
Wenn Du keinen Platz im Haus hast: Warte einfach bis Anfang Mai und pflanze sie dann direkt raus.
Ich setze meine Dahlien meistens schon vor den Eisheiligen, weil selbst wenn es nochmal Frost geben sollte, ist es in der Regel kein Bodenfrost – und bis überhaupt etwas Grünes aus der Erde schaut, sind die Eisheiligen meist schon vorbei.
ACHTUNG SCHNECKEN!
Die schaffen das ohne Probleme, in einer Nacht alles wegzufressen.
IM GARTEN GIBT ES SELTEN DEN EINEN RICHTIGEN WEG
Die Frage nach Vorziehen oder Direktsaat kann schnell kompliziert wirken.
In Wahrheit ist sie viel entspannter. Manche Pflanzen starten besser geschützt. Andere lieben es, direkt ins Beet gesät zu werden. Und oft funktioniert beides erstaunlich gut.
Es wird Samen geben, die nie aufgehen. Und es wird die eine Schnecke geben, die genau Deine Lieblingsblume frisst.
Der wichtigste Punkt ist eigentlich ein anderer:
Gärtnern lernt man durchs Tun. Und es soll Freude machen.
Ein paar Dinge funktionieren sofort. Andere brauchen zwei oder drei Versuche. Manchmal überrascht einen der Garten auch völlig – mit Pflanzen, die plötzlich wachsen wie verrückt, obwohl man eigentlich gar nichts Besonderes gemacht hat.
Und selbst wenn etwas einmal nicht klappt: Im nächsten Frühjahr liegt wieder ein Stapel Samenpäckchen auf dem Tisch.
DIE GROSSE ENTSCHEIDUNGSHILFE: WAS WOHIN?
Damit Du nicht ratlos vor Deinen Päckchen stehst, habe ich eine kleine Liste zusammengestellt. Das sind Erfahrungswerte aus meinem Cottage Garten, aber sie sind ein prima Kompass für den Start.
PFLANZEN ZUM VORZIEHEN
Diese Pflanzen profitieren davon, wenn Du sie im Haus, Gewächshaus oder geschützt in Töpfen vorziehst.
- Zinnien
- Kosmeen
- Löwenmäulchen
- Dahlien (aus Samen)
- Rudbeckia (Rauer Sonnenhut)
- Tagetes (Studentenblume)
- Verbenen
- Blaudolden
- Strohblumen
- Sommerastern
- Sonnenflügel
- Strandflieder
- Blutweiderich
- Perlkörbchen
SAMEN, DIE DU BESSER DIREKT INS BEET SÄST (DIREKTSAAT)
Diese Pflanzen lieben es, direkt ins Beet gesät zu werden – ganz ohne Umwege.
- Mohn
- Kornblumen
- Jungfer im Grünen (Nigella)
- Schleierkraut (einjährig)
- Akelei
- Nachtviole
- Blaue Rasselblume
- Borretsch
- Feldrittersporn
- Garten-Rittersporn
- Große Knorpelmöhre
- Ziermöhre
- Bischofskraut
- Kamille
- Lupinen
- Strahlenbreitsame
- Berglauch
- Sandnelke
- Wiesensalbei
- Felsennelke
- Chinesisches Vergissmeinnicht
SAMEN, DIE BEIDES GUT KÖNNEN
- Kosmeen
- Zinnien
- Tagetes (Studentenblume)
- Ringelblumen (Calendula)
- Sonnenblumen
- Kapuzinerkresse
- Duftwicken
- Skabiosen
- Malven
- Anethum
- Buntschoft-Salbei
- Prunkwinde
- Schafgarbe
- Pfirsichblättrige Glockenblume
- Arznei-Baldrian
- Knäuel-Glockenblume
- Ackerglockenblume
* Und wie oben versprochen, hier ist meine 'Bastelanweisung', wenn Du keine Pflanzlampen hast:
Nimm einen Karton und schneide eine lange Seite weg. Klebe auf die gegenüberliegende Seite Alufolie. Stelle den Karton mit der offenen Seite zum Fenster und Deine Anzuchttöpfchen in den Karton. So wird das Licht reflektiert.
Fotos: Syl Gervais, Kim Lea Adam, My Cottage Garden, Deposit Photos